Deus X by Spinrad Norman

Deus X by Spinrad Norman

Author:Spinrad, Norman [Norman, Spinrad,]
Format: epub
Published: 2010-09-16T21:31:51.774000+00:00


11

Als die Ziffern auf seiner Brust 1:17 anzeigten, wurde die erstarrte Silhouette des Inspektors wieder lebendig, und er kam langsam auf mich zu, wie jemand, der von einer langen, anstrengenden Reise zurückkehrt. Auf seiner verspiegelten Brille erschien kein optischer Hinweis, aber um seine Mundwinkel herum waren Linien, die dort noch nie zu sehen gewesen waren, soweit ich mich erinnerte.

»Na, Inspektor?« sagte ich unsicher. Er sah ganz anders aus als sonst.

»Ich habe meine Nachforschungen abgeschlossen, soweit das möglich war, Philippe«, sagte er.

»Soweit das möglich war?« Es gefiel mir gar nicht, wie das klang.

»Die Befragung relevanter Relaissysteme förderte eine Anomalie im orbitalen Transponder einer geschlossenen Satellitenverbindung zwischen dem Zentralcomputer des Vatikans und einem Terminal in Zürich zutage. Die Satellitenstation in Zürich wurde gegen eine andere Satellitenstation ausgetauscht, die ihre Sicherheitscodes emulierte, so daß sie für die Pinkertons des Vatikans transparent wurde. Der Vorfall dauerte 105 Sekunden, in denen ein Programm aus dem Zielcomputer heraufgeladen wurde. Der Zeitpunkt fällt mit dem Verlust der De-Leone-Entität zusammen. Schlußfolgerung: Sie wurde von der Piraten-Station dupliziert und dann im Zielcomputer gelöscht, und zwar von einem speziell dafür angefertigten Virus, das sich anschließend selbst gelöscht hat.«

»Eine Piratenstation? Wo?«

Der Inspektor schwieg eine Weile. »Ich habe die Satellitenverbindung des Piraten bis zu einem Mietterminal in Brüssel und von da zu einem Münzfernsprecher in New York zurückverfolgt«, sagte er schließlich. »Die Verbindungsgebühren waren der Nummer eines amtlichen Wetterdienstes in Tokio berechnet worden, eine simple Einweg-Informationsschleife, die nichts initiieren konnte. Folglich gab es natürlich keine Aufzeichnung über eine solche Verbindung von der Nummer in Tokio aus. Schlußfolgerung: Die Verbindung war ein Phänomen des Systems selbst.«

»Des Systems? Welches Systems?«

»Des Systems, Philippe. Des Big Boards selbst.«

»Sie kommen mir mit Mystizismus, Inspektor?«

»Gewisse Entitäten im Big Board haben… sich von den festen Hardware-Matrizen gelöst«, sagte der Inspektor mit unverkennbarem Unbehagen. »Sie haben ihre Software in mehrfach duplizierte Subroutine-Module unterteilt, die in verstreuten Speichermedien gespeichert sind und auf die zentrale Verarbeitungsprogramme zugreifen, die im Big Board selbst herumschweifen und mit vorübergehend ungenutzter Hardware laufen.«

»Sie können also nicht lokalisiert und gelöscht werden?«

»Genau, Philippe, sie haben sich ins Betriebssystem selbst eingeschrieben.«

»Ich dachte, das wäre unmöglich, und wenn nicht, dann auf jeden Fall illegal!«

»Höchst illegal, Philippe«, sagte der Inspektor scharf. Rot leuchtende Pupillen erschienen an der Oberfläche seiner Sonnenbrille. »Aber keine menschliche Polizeiagentur ist imstande, sie zu entdecken, geschweige denn zu fassen…« Der Inspektor zögerte erneut. »Und sie sind außerhalb meines Zuständigkeitsbereichs. Ich bin… ich kann nicht… ich habe keinen Zugang zu dieser Ebene.«

»Wer dann?«

»Niemand«, sagte der Inspektor. »Sie wird vom… vom Vortex kontrolliert.« Seine Stimme schien um das Wort herum zu erbeben.

»Vom Vortex?«

»Ein… Wächter… ein Tor… ein Interface-Programm, das anscheinend von den Entitäten des Systems selbst geschrieben wurde… ohne konsistente Form, ohne konsistente Parameter…«

»Sie haben Angst vor diesem Vortex, stimmt’s, Inspektor?«

»Ich besitze keine Subroutine, die eine solche Emotion modellieren könnte, Philippe«, behauptete der Inspektor nicht allzu überzeugend. »Aber ich bin mit einer zentralen Direktive ausgestattet und darauf programmiert, diese auch weiterhin auszuführen, deshalb muß ich dem strikten Gebot folgen, die Integrität meiner Software zu wahren. Und der Vortex… scheint eine Art räuberisches Verhalten zu praktizieren.



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